Samstag, 28. März 2009

Der Beitrag der Augsburger Puppenkiste zur Evolutionsforschung

Nachdem die Wogen zu Themen rund ums Darwin-Jahr, etwa zur Hirnforschung und evolutionären Psychologie, aber auch zu Mechanismen der Evolution sowie insbesondere zu Kreationismus und Weltanschaulichem doch recht hoch schlagen, versucht der Blog-Autor, gleichzeitig gebürtiger Augsburger, die Bedeutung von Jim Knopf (die FAZ und wir berichteten) für die Evolutionstheorie weiterzuführen und damit weiter zur Entspannung - sozusagen im Geiste des Augsburger Religionsfriedens - beizutragen.


Hierbei soll herausgearbeitet werden, dass Jim Knopf nun nicht nur anlässlich des Darwin-Jahrs die Evolutionstheorie büffelt, was ja die FAZ in ihrem aktuellen Video dokumentiert, sondern dass sich die Augsburger Puppenkiste schon vor Jahrzehnten kräftig in die Erforschung der Evolution eingebracht hat und hierbei Vorreiter für wesentliche wissenschaftliche Ergebnisse war.


So erforschte die Augsburger Puppenkiste schon früh die unbekannten, wilden Kreaturen der Meere sowie die spezielle Evolution auf Inseln und in Höhlenmilieus. Sie war ihrer Zeit in der Hirnforschung weit voraus und erbrachte fundierte Beispiele zur Kommunikationsfähigkeit von Tieren. Insbesondere aber lieferte sie die ersten relevanten Ergebnisse zur Brutpflege und Sozialisierung bei Dinosauriern.



Und nicht zuletzt positionierte sich die Augsburger Puppenkiste schon beizeiten zum Thema Schöpfung und Kreationismus .



Aber sehen Sie selbst in unserem Beitrag zum 1. April im Darwinjahr 2009 unter www.palaeo.de/edu/wildkreas/
Viel Spaß,

Ihr Reinhold Leinfelder
28.3.2009

PS: und noch ein Outing: zumindest nach Überzeugung der Augsburger Allgemeinen hat die Berufswahl des Blog-Autors auch etwas mit der Augsburger Puppenkiste zu tun:


Mittwoch, 25. März 2009

Jim Knopf ist zurück und lernt die Evolutionstheorie

Also, dies ist nun wirklich einen kleinen Eintrag wert, zumal wenn der Blogger Augsburger und mit Jim Knopf deshalb eng verbunden ist. Allerdings nicht so eng wie Charles Darwin, der Jim Knopf (den Beagle-Kapitän Robert FizRoy in einer Vorreise nach England verschleppt hatte), wieder mit zurück in seine Heimat Feuerland nahm. Im Original hieß Jim Knopf Jemmy Button (teilübersetzt eben Jim Knopf).

Wir erinnern uns: Julia Voss, Redakteurin bei der F.A.Z. (Foto links) schilderte uns ja in einem bemerkenswerten Artikel als Einstieg ins Darwin Jahr, wie das industrielle England so ganz wie die Insel mit zwei Bergen war, dass Herr Ärmel auch noch nach dem Ärmelkanal heißt und die Untertanen von König Alfons dem Viertelvorzwölften die Mikrogesellschaft des neunzehnten Jahrhunderst unter König William IV darstellten. Noch viel spannender aber ist die Schilderung, wie der Autor des Kinderbuchs "Jim Knopf und Lukas, der Lokomotivführer", welches ja die Vorlage für die berühmte Jim-Knopf-Serie der Augsburger Puppenkiste lieferte, hier Darwin von der Bürde seiner Vergewaltigung durch die Nationalsozialisten befreite und uns, wie Julia Voss schreibt, "die unheimlichste Rezeptionsgeschichte der Evolutionstheorie in einem Kinderbuch vermachte". Der sehr empfehlenswerte Artikel von Julia Voss ist nach wie vor online verfügbar.

Nun hat nicht nur dem aus Augsburg stammenden Leiter des Berliner Museums für Naturkunde und bekennenden Puppenkisten-Fan dieser Artikel gut gefallen, sondern auch die Augsburger Puppenkiste wurde offensichtlich zum Julia Voss- bzw. Darwin-Fan (oder auch beides): Jim Knopf und Frau Mahlzahn wurden extra fürs Darwin-Jahr nochmals aktiv und sind seit heute in einem eigens produzierten Video auf der FAZ-online-Seite zu sehen. Klicken Sie hier oder in nebenstehendes Bild.

Und falls Ihnen das noch nicht genügt, dürfen wir schon verraten, dass Julia Voss voraussichtlich im September in Berlin einen Vortrag zu Jim Knopf und Darwin im Rahmen der gemeinsamen Veranstaltungsreihe des Museums für Naturkunde und der Urania zum Darwin-Jahr halten wird. Näheres gibt es rechtzeitig unter www.darwinjahr2009.de bzw. unter www.museum.hu-berlin.de/ausstellungen/darwin2009

Reinhold Leinfelder, 25.3.2009

PS: Im nächsten Eintrag geht es mit der der Bedeutung der Augsburger Puppenkiste für die Evolutionsforschung weiter.




Montag, 16. März 2009

So zitieren Kreationisten - Archaeopteryx und Jura-Korallen

von Reinhold Leinfelder

Heute möchte ich am Beispiel zweier pseudowissenschaftlicher kreationistischer Artikel aufzeigen, wie dort Zitate zwar nicht falsch wiedergegeben werden, aber eben bewusst aus dem Kontext gerissen werden. Damit ich auch wirklich korrekt interpretiere, nehme ich dazu zwei Beispiele aus meinem eigenen Arbeitsbereich.

Beispiel 1: Archaeopteryx, 10. Exemplar

Kontext: der tatsächliche Fundzeitpunkt dieses ausgezeichnet erhaltenen Exemplars ist nicht genau bekannt, es wurde wie alle anderen Exemplare in der Region Eichstätt/Solnhofen (Bayern) gefunden und wurde 2005 durch eine Publikation öffentlich bekannt. Damals war ich für die "Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns" zuständig. "Archie 10" war jedoch bereits auf unbekannten Wegen in die Schweiz und von dort weiter an ein Privatmuseum in die USA davongeflattert. Dies führte zu Protest aus der Paläontologen-Community, da ein wissenschaftlich derart wertvolles Exemplar nach Meinung der Wissenschaft (darunter der renommierten Society of Vertebrate Paleontologists) unbedingt an einem öffentlichen, d.h. nicht-privaten Museum untergebracht werden sollte, um den dauerhaften Erhalt und Zugang für die Forschung zu sichern (die kleine Abbildung zeigt das 10. Exemplar).

In diesem Kontext schrieb ich an die Wissenschaftszeitschrift SCIENCE Magazin einen offenen Brief, der im April 2006 auch abgedruckt wurde.

In Apologetics-Press erschien daraufhin folgender Artikel (unter www.apologeticspress.org/articles/3113), in dem aus meinem publizierten SCIENCE-Letter zitiert wurde.
(der Artikel erschien nun übrigens anlässlich des Darwin-Jahrs auch nochmals in diesem Blog)

Archaeopteryx—“The Greatest Embarrassment of Paleontology”

by Brad Harrub, Ph.D.


Auszug: " ..... The irony is that there are no alternative “ancestors” that would explain the evolutionary existence of birds. Dinosaurs are the only candidates that can offer any answers as to how birds came into existence. Thus, evolutionists are forced to defend this “transitional fossil,” no matter how tenuous the evidence. This necessity explains why evolutionists are so dogmatic about this material remaining in textbooks—they want to ensure all students are familiar with Archaeopteryx.

Last year, the journal Science reported the discovery of the tenth Archaeopteryx specimen (see Mayr, et al., 2005). Gerald Mayr and his colleagues observed: “Here we describe a 10th skeletal specimen of an archaeopterygid. The specimen was discovered in an unknown locality of the Solnhofen area and was housed in a private collection before it was recently acquired by the Wyoming Dinosaur Center, Thermopolis, USA” (2005, 310:1483, emp. added). [One wonders if this “unknown locality” was the same Chinese farmhouse that witnessed the “evolution” of the alleged Archaeoraptor—a creature later determined to be a forged composite, consisting of fossilized remains from both a bird and a dinosaur.] This latest Archaeopteryx discovery has stimulated once again a great deal of controversy—as many scientists question the validity of the find, and others question whether Archaeopteryx is even a link at all.

While many evolutionists have hailed Archaeopteryx as a vital transitional fossil, few readily admit the peculiar circumstances that frequently accompany Archaeopteryx discoveries. For instance, Reinhold Leinfelder, director of the General Museum of Natural History in Humboldt-University noted:

It seems that Archaeopteryx findings have always been accompanied by mysterious circumstances. The first complete specimen discovered in Bavaria in 1861 was sold by its anonymous finder to a wealthy buyer, kept secret, and eventually sold to the Natural History Museum in London. The tenth, and most recent, specimen is no exception. Also found in Bavaria, by an unknown person (allegedly in the 1970s), it was sold to an unknown third party in Switzerland, ending up in a small private museum in Thermopolis, Wyoming, USA (2006, 312:197, emp. added). ...."

Ende des Zitats.
Der oben blau wiedergegebene Textabschnitt ist korrekt zitiert, dies habe ich tatsächlich so geschrieben. Allerdings war es nur der journalistische Einstieg in den Science-Leserbrief. Im diesem publizierten Brief unter dem Titel "Archaeopteryx - the Lost Evidence" fuhr ich, nachdem ich näheres zur Publikation des Objekts geschrieben hatte, dann folgendermaßen fort:

"The remains of Archaeopteryx are probably the most important fossils in the world, the petrified evidence for Darwin’s postulate of the existence of missing links. The preservation of
the 10th specimen is spectacular, rivaled only by the second specimen. It might seem appropriate that it should find a home in the creationism-shaken and intelligent design–rattled United States. I am concerned, though, that because it is a private museum, researchers may not always have unrestricted and timely access. ...."

Also, keine Möglichkeit, mich nur im Entferntesten so interpretieren zu können, ich würde zugeben, Archaeopteryx sei kein wichtiger Beleg für die Evolution. Dies wird mir zwar nicht direkt im Apologetics-Artikel unterstellt, aber wohl doch indirekt impliziert. Aber tatsächlich spreche ich ja sogar davon, dass Archie 10 DER versteinerte Beleg schlechthin dafür sei, dass Darwin Recht hatte und dass der Verbleib des Objekts in USA vielleicht ein gutes Argument gegen den weitverbreiteten Kreationismus dort sei. Klar, dass dies dann nicht zitiert wurde.

Im Rest meines kleinen SCIENCE-Artikels geht es dann übrigens um das Anliegen, Fossilschutzregelungen zu verbessern bzw. überhaupt erst zu etablieren, damit die Wissenschaft keinen Schaden nähme (den gesamten Artikel finden Sie hier - nur mit SCIENCE-Berechtigung - bzw. frei zugänglich als jpg durch Klick auf nebenstehendes Bildchen).

Nur zur Info: Das erste Archaeopteryx-Exemplar wurde übrigens erst einmal wegen seiner "Gotteslästerlichkeit" totgeschwiegen. Aus denselben Gründen möchten die Kreationisten Archaeopteryx weiterhin madig machen. Dazu sind auch komplett sinnentstellende Zitationen recht.

Wer übrigens noch mehr Details zur "Archie 10"-Fund- und Verkaufsgeschichte wissen möchte, wird in der ZEIT vom 20.4.06 fündig .

Apologetics Press ist eine kreationistische Website.

Wer das nicht glauben sollte, sei auf die Sektion "About A.P." verwiesen, dort steht unter der Überschrift "What we believe" unter anderem:
  • "The entire material Universe was specially created by this almighty God in 6 days of approximately 24- hours each, as revealed in Genesis 1 and Exodus 20:11.
  • Both biblical and scientific evidence indicate a relatively young Earth, in contrast to evolutionary views of a multi-billion-year age for the Earth.
  • Both biblical and scientific evidence indicate that many of the Earth’s features must be viewed in light of a universal, catastrophic flood (i.e., the Noahic Flood as described in Genesis 6-8)."

OK, so kommt man also in den USA bei den Kreationisten zu Ehren. Doch auch in Deutschland wird man diesbezüglich gerne bewusst mit Kurzzitaten in den falschen Kontext gestellt. Aber bilden Sie sich selbst Ihr Urteil:


Beispiel 2: Höhere Wachstumsraten von Korallen wähend der Jurazeit?
Gehen wir zur angeblich wissenschaftlichen Zeitschrift "Studium Integrale" der evangelikalen Studiengemeinschaft Wort+Wissen e.V., die u.a. das sog. Lehrbuch "Evolution - ein kritisches Lehrbuch" herausgibt. In diesem Buch, wie auch in den anderen Beiträgen von Wort+Wissen wird eine sog. Grundtypentheorie als Alternative zur Evolutionstheorie vorgestellt, die richtigerweise jedoch nur als pseudowissenschaftliche, da nie falsifizierbare "Schöpfungstheorie" bezeichnet werden kann (und damit eben keine wissenschaftliche Theorie darstellt).

Wort + Wissen vertritt hierzu mehr oder weniger offen einen Kurzzeitkreationismus, der allerdings noch belegt werden müsse (ein kritisches Lehrbuch der Geologie steht wohl noch aus). Daher werden gerne Arbeiten geschrieben, die angeblich Belege dafür liefern sollen, dass Sedimentationsalter in früheren Zeiten sehr viel höher waren, also heutige Sedimentationsprozesse nicht mit früheren zu vergleichen seien.

Hierzu ein Beispiel. Im Journal "Studium Integrale", vom 1. Mai 2004, 11/1, S. 41-46 (online version) findet sich unter dem Titel: "Korallenriff-Wachstum trotz erheblicher Sand- und Tonablagerungen " u.a. folgendes:

"Für Korallen werden allgemein geringe Wachstumsraten angegeben .... Fossile Riffe, die in die Abfolge der Sedimentgesteine eingeschaltet sind, gelten daher seit langem als eindrucksvolle Belege für große Zeiträume ... . Es gibt aber auch Indizien, daß bestimmte Korallenriffe des Oberjura – anders als heute – unter widrigen Umweltbedingungen wachsen konnten, offenbar sogar verhältnismäßig schnell.
In einem Übersichtsartikel erwähnt Leinfelder (2003, 193) fossile Korallenriffe aus dem Lusitania-Becken von Portugal, die „während toniger Sedimentation weiterwuchsen“ (vgl. Leinfelder 1997, 106; s. auch ... [Leinfelder 1998]). Dagegen sind heutige Korallenriffe gegenüber Sedimenteintrag (vom Land) außerordentlich empfindlich (z.B. Greb et al. 1996, 105f.,123f.; Leinfelder 2003, 187). ....
Die Wachstumsfähigkeit dieser Korallen während stärkerer Tonablagerung sei erstaunlich, ....
...
Wenn diese Deutungen ehemaliger Lebensräume (Fazies-Analysen) bestimmter Oberjura-Korallenvergesellschaftungen zutreffen sollten, stellt sich die Frage, ob solche Korallen nicht außerordentlich schnell wachsen konnten. Immerhin lebten sie „oftmals unter erhöhten Sedimentationsraten“ (Leinfelder 2003, 193f.). Und weiter: Was bedeutet das für das Wachstum kompletter fossiler Korallenriffe gegenüber heutigen? Hier ist noch weitere umfangreiche Forschungsarbeit nötig."
Ende des Zitats und des Artikels.

In den zitierten Arbeiten der Leinfelder-Arbeitsgruppe steht jedoch, dass die Korallen während der Jura-Zeit je nach Milieu und Anpassungsgrad der Arten unterschiedlich schnell wachsen konnten und dass viele noch in einem tonigen Milieu lebten, da sich die Photosymbiose mit einzelligen Algen gerade erst entwickelte. Alle diese Korallen wuchsen jedoch bedeutend langsamer als heutige Korallen, eben weil die Photosymbiose noch nicht so effizient entwickelt war. Das steht nicht nur eindeutig in unseren Arbeiten, es gibt auch entsprechende Grafiken dazu. Interessant ist allerdings, dass von Wort+Wissen fast ausschließlich populärwissenschaftliche Darstellungen unserer Ergebnisse zitiert wurden und nicht etwa die Originalarbeiten unserer Arbeitsgruppe.
(Korallen-Abbildung aus Leinfelder 2003)

Dennoch: auch in der mehrfach zitierten Arbeit Leinfelder 2003 habe ich eindeutig und unmissverständlich geschrieben (S 193): "
Jurakorallen zeigen bereits alle Kriterien für das Vorhandensein von Photosymbionten (...), allerdings wuchsen sie noch deutlich langsamer und lebten ebenfalls oft auf tonreichen, d.h. auch nähstoffreichen Sedimenten (...). Die Symbiose war damit noch nicht so optimiert wie heute ...."
(diese Arbeit ist auch in einer
Web-Version hier verfügbar. Das Zitat findet sich dort auf S. 12 des pdfs).

Nebenstehend finden Sie Abb. 5 aus der von den Wort+Wissen geflissentlich übergangenen Arbeit Leinfelder, R.R. (2001): Jurassic Reef Ecosystems.- In: Stanley, G.D.Jr. (ed.), The History and Sedimentology of Ancient Reef Systems, pp. 251-309, Kluwer Academic/Plenum Publishers, New York.

Diese Abbildung ist auch in etlichen weiteren Publikationen unserer Arbeitsgruppe zu Jura-Korallenriffen vorhanden. Die linke Doppelsäule zeigt die Unterschiede in den Wachstumsraten zwischen jurassischen und heutigen Korallen, die rechte Abbildung zeigt bestimmte Charakteristika der Jahresbänderung der Korallen, aus denen man eine geringere photosymbiontische Aktivität der Jurakorallen ableiten kann. Ist Irgendetwas missverständlich daran?


Soviel also zum wissenschaftlichen Vorgehen auch derjenigen kreationistischen Gruppen, die hohe Wissenschaftlichkeit für sich in Anspruch nehmen. Oder sollten es durch nur zufällige Fehler gewesen sein? Ich überlasse es Ihrer Einschätzung.

Schöne Grüße

Reinhold Leinfelder, 16.3.09


Donnerstag, 12. März 2009

Wir sind kein reiner Zufall – oder doch? Zur Sprachverwirrung zwischen Naturwissenschaftlern und Theologen

Gastbeitrag durch Frau Dr. Martina Kölbl-Ebert, Direktorin des Jura-Museums Eichstätt.

Zweiter Teil der Rede von Frau Dr. Kölbl Ebert zur Vernissage der Ausstellung „Schöpferische Evolution – Charles Darwin zum 200. Geburtstag“ am 12. Februar 2009 im Jura-Museum Eichstätt.

Die Evolutionstheorie gehört sicher zu den bestbelegten naturwissenschaftlichen Theorie, die je entwickelt wurden. Dennoch mehren sich nicht nur in den USA, sondern seit etwa sieben bis acht Jahren auch in Deutschland kreationistische Angriffe auf naturwissenschaftliche Erkenntnis. Viele Evolutionsbiologen und Paläontologen hat dies kalt erwischt. Die Bewegung, zunächst aufgrund ihrer Unsinnigkeit unterschätzt, beunruhigt nun massiv durch rhetorisches Geschick, „Publicity“ in den Medien und durch den Willen zu bildungspolitischer Einflussnahme. Mühsam formierte sich die naturwissenschaftliche Phalanx zur Verteidigung von Aufklärung und naturwissenschaftlicher Integrität. In teils scharfer Form argumentieren jedoch auch manche dieser – wie sie sich selbst verstehen – Verteidiger der Vernunft für einen philosophischen Atheismus als scheinbar logische und vernünftige Konsequenz der naturwissenschaftlichen Methodik.
Das ist eine möglicherweise verständliche Reaktion, wenn man das Pech hat, Religiosität ausschließlich in ihrer fundamentalistischen Form kennen gelernt zu haben; zumindest fragwürdig, wenn man bedenkt, wie viele Naturwissenschaftler keinerlei Schwierigkeiten damit haben, ihren Beruf und ein religiöses Leben zu vereinbaren; ganz sicher aber nicht angemessen gegenüber dem breiten kirchlichen „Mainstream“, der mit Kreationismus ebenso wenig „am Hut“ hat wie die betreffende Naturwissenschaftler selbst.

Leider ist die Begründung von Atheismus aus naturwissenschaftlicher Erkenntnis heraus nicht nur philosophisch fragwürdig, sondern auch äußerst kontraproduktiv für das Anliegen der Beteiligten. Denn den großen Kirchen erscheint dieser „Neue Atheismus“ – dessen Ursache vielfach nicht wahrgenommen wird – als Ausdruck einer Neuauflage altbekannter Kulturkampfrhetorik, der sie mit Misstrauen und teils mit Abschottung begegnen. So zeigt sich denn die Strategie von Kreationisten, einen Keil zwischen Naturwissenschaft und Religiosität zu treiben, als beunruhigend effektiv und erfolgreich.

Konstruktiver Dialog täte also dringend Not, um Missverständnisse abzubauen, um den anderen, seine Empfindlichkeiten und seine Anliegen kennen zu lernen, um gemeinsam für Wahrheit und Vernunft zu streiten, wo dies nötig ist.

In der Praxis ist dies jedoch offenbar nicht immer so einfach. So baut etwa der Lehrplan für Katholische Religionslehre der bayerischen Realschulen in der 8. Klasse einen Gegensatz auf zwischen der religiösen Sicht der Welt als Schöpfung Gottes, der Gott Sinn stiftet, mit der Gott eine Absicht verfolge und die er zu einem Ziel führt einerseits und einer naturwissenschaftlichen Sicht, für die die Welt angeblich nur ein bloßes Zufallsprodukt sei, ein Klischee, das dann in der Folge auch von so manchem Schulbuch bedient wird.

Da ist zunächst einmal eine bloße Formsache: Die Frage, wer für die Existenz der Welt verantwortlich ist und warum und zu welchem Sinn und Ziel sie gegebenenfalls existiert, entzieht sich der naturwissenschaftlichen Methodik und es kann daher hierzu überhaupt keine naturwissenschaftliche Aussage geben. (Es ist ein alter Trick, einem Naturwissenschaftler zuerst Beschränktheit vorzuwerfen, wenn er dann aber seine persönliche Ansicht zur Sinnfrage äußerst, wirft man ihm Grenzüberschreitung vor. Das ist eine Situation, in der der Naturwissenschaftler nie gewinnen kann.)

Viel schlimmer ist jedoch die Stellung die der Zufallsbegriff hier einnimmt. Wir finden ihn nicht nur im Lehrplan, sondern etwa auch in der Predigt, die Papst Benedikt XVI. zu seiner Amtseinführung hielt: "Wir sind nicht das zufällige und sinnlose Produkt der Evolution. Jeder von uns ist Frucht eines Gedankens Gottes." hieß es da. Kardinal Schönborn von Wien äußerte, Evolution als Ansammlung naturwissenschaftlicher Fakten sei kompatibel mit dem Katholizismus, aber Evolution als ideologisches Dogma, das Design und Zweck in der Natur leugne, sei es nicht.

Für einen theologisch naiven, aber durch den zunehmenden Kreationismus sensibilisierten Naturwissenschaftler hörte sich das so an, als ob Papst und Kardinal weit hinter die Dialogbereitschaft und die Errungenschaften eines Johannes Paul II. zurück gehen und sich dem Kreationismus in seiner neueren Spielart des Intelligent Design annähern wollten. Entsprechend aufgeregt waren die Reaktionen.

Für einen Theologen hingegen sind die zitierten Passagen wesentlich unverfänglicher. Sie sagen im Prinzip lediglich, dass mit den naturwissenschaftlichen Erkenntnissen nicht alles gesagt ist, was man über die Welt sagen kann, denn es gibt noch eine weiter Ebene des Diskurs, die die traditionelle Domäne der Religion und der Philosophie ist, die Frage nach Erstursache, Sinn, Zweck und Ziel der Welt. Und hier ist eben die Kirche der Auffassung, dass es Erstursache, Sinn, Zweck und Ziel der Welt real gibt und dass die Antworten darauf in Gott zu suchen sind. Wie bereits erwähnt, entziehen sich diese Dinge der naturwissenschaftlichen Methodik, weshalb es dazu keine naturwissenschaftliche Aussage geben kann. Hier kann ein Naturwissenschaftler bestenfalls eine persönliche, religiös-philosophische Meinung äußern, sei es als gläubiger Angehöriger einer Religionsgemeinschaft oder eben auch als Atheist.

Stein des Anstoßes sind offenbar immer wieder zwei scheinbar ganz einfache Wörtern: Zufall und Zweck oder im Englischen: chance und design. Es lohnt sich, hier genauer hinzuschauen.

Sehen wir uns an, wie Biologen bzw. Theologen diese Begriffe definieren würden:

  • Für einen Theologen meint Zufall das Zustandekommen eines Ereignisses, das weder von Natur aus noch durch bewusste Absicht bezweckt wurde. Ein solches Ereignis dient keinem Sinn und Ziel, es ist existentiell sinnlos, während Zweck die Übersetzung des griechischen „telos“ ist. Es bedeutet sinngebendes Ziel. Zweck ist somit das Gegenteil von Zufall.
  • Der Biologe hingegen spricht vom Zufall, wenn die konkrete Ursachenkette eines Naturphänomens aufgrund der Komplexität des Vorgangs nicht unmittelbar einsehbar ist, während etwas einen Zweck hat etwas, wenn es für irgendetwas nützlich ist. Diesen Zweck bestimmen Biologen durch Beobachtung: Wozu gebrauchen Vögel Federn? Zum Wärmen, zum Tarnen oder Balzen und zum Fliegen. Das ist ihr Zweck. Evolution bedeutet in diesem Zusammenhang, dass durch die Verkettung von Zufall (Mutationen) und Notwendigkeit (Natürliche Auslese) ein zweckmäßiges, dem Tier oder der Pflanze nutzbringendes Merkmal entsteht.
Zufall:
Kommen wir auf unser Problem zurück: Für den Theologen ist Zufall das Gegenteil von Zweck, ein Ereignis ohne Sinn und Absicht. Wer das Wort Zufall benutzt, meint, so denkt der Theologe, dass ein bestimmtes Ereignis ohne Gottes Zutun erfolgt ist. Da Naturwissenschaftler das Wort Zufall gebrauchen, wenn sie die Entstehung des Universums und die Entwicklungsgeschichte des Lebens beschreiben, leugnen sie, zumindest hat der Theologe diesen Eindruck, das schöpferische Tun Gottes.

Der Naturwissenschaftler jedoch ist der Überzeugung, das er über Gott keinerlei Aussage gemacht hat. Für ihn geht es nur darum, dass er nicht im Detail sagen oder herausfinden kann, warum diese oder jene Mutation genau zu diesem Zeitpunkt an jener Stelle im Genom erfolgt ist. Zufall und Zweck schließen sich für den Biologen keineswegs aus, denn die zufälligen Mutationen stellen nur die Varianten her auf der Selektion wirken kann, das Zusammenspiel beider bringt die zweckmäßige Biokonstruktion zustande. Evolution ist im Übrigen keineswegs ein bloß zufälliger, vom statistischen Würfelspiel gesteuerter Prozess. Das sieht man schon daran, dass eine ganze Reihe von Merkmalen die außerordentlich vorteilhaft sind, von den evolutionären Prozessen ganz zwangsläufig immer wieder – auf unterschiedlichem Wege – erreicht wurden; Lichtsinnesorgane etwa oder die Stromlinienform schnelle Schwimmer sind mehrmals unabhängig voneinander entstanden. Das nennt man konvergente Evolution.

Zweck:
Wenden wir uns nun dem theologischen Gegenpol des Zufallsbegriff zu, dem Wörtchen Zweck oder Design: Im Alltag benutzen wir das Wort Design um die bewusste, künstlerische Gestaltung eines Gebrauchsgegenstandes oder einer Gebrauchsgraphik zu charakterisieren. Im angelsächsischen Sprachraum umfasst der Begriff auch technisch-konstruktive Anteile der Gestaltung, den „Bauplan“. In diesem Sinne taucht Design auch als Fachbegriff in der Biologie auf. Die Naturwissenschaft leugnet also keineswegs Design in der Natur und sie hat jede Menge Indizien gesammelt, die darauf hindeuten, dass dieses Design durch natürliche Prozesse im Rahmen der biologischen Evolution entsteht.
Im 19. Jahrhundert meinte Design im Englischen jedoch noch etwas anderes, nämlich Absicht oder Zweck. So gebraucht beispielsweise Jane Austen in ihren Romanen dieses Wort. Dass der Romanheld die Heldin im Garten traf, war kein Zufall, denn er tat es „by design“, mit Absicht. Und das entspricht im Prinzip dem heutigen theologischen Sprachgebrauch: Hier ist Gott derjenige, der Absichten mit uns und der Welt verfolgt.
Noch einmal anders verwendete die so genannte Natürliche Theologie des 18. und frühen 19. Jahrhunderts den Begriff. Sie sah in der zweckmäßigen Angepasstheit der Organismen an ihren Lebensraum und ihre Lebensweise einen wichtigen Hinweis auf einen fürsorgenden und lenkenden Gott. Einzelne Vertreter wie etwa William Paley bauten diese Argumentation zu dem Versuch eines teleologischen Gottesbeweises aus. Dem gegenüber war es Darwins Verdienst, zu zeigen, dass Design im Sinne von zweckmäßigen Biokonstruktionen auch durch die Wirkung von natürlichen Ursachen (Zweitursachen im theologischen Sinne) erklärt werden kann, was selbstverständlich keine Aussage über eine Erstursache macht. Deshalb konnte Charles Darwin in seinem Buch über den Ursprung der Arten denn auch schreiben: „Nach meiner Ansicht, stimmt es besser mit dem überein, was wir über die Gesetze wissen, die der Schöpfer der Materie auferlegt hat, wenn wir davon ausgehen, das die Erzeugung und das Aussterben gegenwärtiger und vergangener Bewohner der Welt Zweitursachen geschuldet ist, wie jene, die Geburt und Tod des Individuums bestimmen.”

Während die Vertreter der Natürlichen Theologie noch die Gesamtheit der Organismen und ihrer Biokonstruktionen im Blick hatten, die sie mit den größten feinmechanischen Wunderwerken ihrer Zeit verglichen, und als tiefgläubige Menschen aus ihrem Glauben heraus die Welt interpretierten, verortet die in den 1980er Jahren entstandene, kreationistische Intelligent Design-Bewegung Gottes Wirken in den Lücken gegenwärtiger naturwissenschaftlicher Erkenntnis und degradiert ihn damit zu einer „natürlichen“ Ursache unter vielen. Der Plan, also die Absicht Gottes – design im Sinne des 19. Jahrhunderts – wird so zum Bauplan – design im modernen, angelsächsischen Sinne – eines Schöpfergottes, der an seiner – offenbar mangelhaften? – Schöpfung ständig in den Lücken naturalistischer Erklärungen herumbasteln muss. Damit wird dem Gottesverständnis natürlich ein schlechter Dienst erwiesen. Denn man schiebt Gott gedanklich mit jeder durch neue Erkenntnis geschlossenen Lücke unweigerlich aus der Welt hinaus, in die man ihn doch gerade hineinholen wollte. Dass „Intelligent Design“ dennoch gelegentlich einen Weg in theologische Gedankengänge findet, verdankt die Bewegung wesentlich dem geschilderten Missverständnis um das Wörtchen Design oder Zweck.

Daran sieht man, wie gefährlich Fachsprachen für den interdisziplinären Dialog von Naturwissenschaft und Theologie sein können. Wo es sich nur um lateinische oder griechische Fremdwörter handelt, merken wir dies schnell und fragen nach. Schwierig wird es, wo scheinbar ganz einfache, der Umgangssprache entlehnte Begriffe verwenden werde, leider aber jeder etwas anderes darunter verstehen. Wenn wir Glück haben, so fällt uns rechtzeitig auf, dass wir aneinander vorbeireden. Wenn wir Pech haben, missverstehen wir uns gründlich und ziehen uns frustriert vom Dialog zurück mit dem fatalen Eindruck, dass mit dem andern ja doch nicht vernünftig zu reden ist. Das Ergebnis sind unnötige Konflikte zwischen Parteien, die eigentlich in selben Boot sitzen.

Hier schließt sich der Kreis nun wieder: Unsere interdisziplinäre Sonderausstellung zur Evolutionstheorie möchte genau hier Brücken bauen und Missverständnisse aufklären helfen. Wo, wenn nicht im Jura-Museum Eichstätt, einem staatlich verwalteten Naturkundemuseum in religiöser Trägerschaft wäre eine Ausstellung absolut angebracht, die harte biologische Fakten und moderne Schöpfungstheologie unter einem Dach vereint, Begriffe und Kompetenzen klar abgrenzt und so eine echte Synthese zweier unterschiedlicher Blickrichtungen auf die eine Welt ermöglicht.

Lassen Sie mich schließen mit einem Zitat aus der Predigt, die Harvey Goodwin, Bischof von Carlisle im April 1882 während der Trauerfeier zu Charles Darwins Beerdigung in London gehalten hat:
„Ich glaube, dass sich die Bestattung von Herrn Darwins sterblichen Überresten in der Westminster Abbey in Übereinstimmung mit dem Urteil der weisesten seiner Landsleute befindet … Es wäre ein Unglück gewesen, wenn irgendetwas geschehen wäre, das der närrischen Ansicht Auftrieb und Nahrung gegeben hätte, die einige so eifrig propagiert haben, für die aber Herr Darwin nicht verantwortlich war; der närrischen Ansicht nämlich, es gäbe notwendig Konflikt zwischen dem Wissen über die Natur und einem Glauben an Gott.“

M. Kölbl-Ebert (2009)

(zum ersten Teil der Rede)

Besten Dank an Martina Kölbl-Ebert für diesen Beitrag!

R. Leinfelder

Ausstellung „Schöpferische Evolution – Charles Darwin zum 200. Geburtstag“ vom 13.2.2009 - 10.1.2010 im Jura-Museum Eichstätt. Das Museum gehört zu den "Staatlichen Naturwissenschaftlichen Sammlungen Bayerns", diese sind Mitglied im Konsortium der "Deutschen Naturwissenschaftlichen Forschungssammlungen, DNFS.
Weitere Informationen zur Eichstätter Ausstellung

Samstag, 7. März 2009

Einladung an kreationistische Schule zu einem Besuch des Museums für Naturkunde

Nachdem wir im letzten Beitrag davor warnten, Darwin für polemische Religionskritik zu instrumentalisieren, beschäftigen wir uns heute wieder mit der Gegenseite. Auch wenn die FAZ heute in einem Beitrag vom atheistischen Berlin sprach, gibt es nämlich mitten in Berlin auch Kreationismus im schulischen Biologieunterricht. Inzwischen mehrfach durch die Medien erwähntes Beispiel sind die "Freien Evangelischen Schulen Berlins" (FESB).

Die Schulen werden laut Angaben auf ihrer Webseite (vom 7.3.09) "von einem gemeinnützigen Verein getragen, dem entschiedene Christen angehören, die aus verschiedenen evangelischen Gemeinden der Landeskirche, Freikirchen und christlichen Gemeinschaften kommen. Der FESB e. V. ist ein als gemeinnützig anerkannter Verein. Er ist konfessionell und parteipolitisch ungebunden. Der Verein ist Gründungsmitglied des 'Verbandes der Evangelischen Bekenntnisschulen in Deutschland e. V.' (VEBS). Weiterhin ist der FESB e. V. Mitglied in der 'Association of Christian Schools International' (ACSI), über die Partnerschaften zu Schulen im Ausland entwickelt werden." Die Schule bekennt sich zur > "Glaubensbasis der Evangelischen Allianz von 1972" und zitiert daraus u.a.folgendes "Die Bibel. Wir bekennen uns zur göttlichen Inspiration der Heiligen Schrift, ihrer völligen Zuverlässigkeit ..... "

Besonders aufschlussreich sind jedoch die Schulkonzeptionen der beiden von der FESB betriebenen Schultypen (Grundschule und Realschule). Schauen wir uns die Realschulkonzeption an. Sie gilt für die bislang einzige Realschule der FESB, der Corrie-ten-Boom-Realschule Prenzlauer Berg und stammt aus dem Jahr 1993. Sie ist jedoch auch heute (am 7.3.09) noch als gültige Konzeption auf dem Netz. Zitieren wir ein paar Passagen aus Teil 5 (Anhang) (Zitate wieder in blauer Schrift):

"Deutsch (Literaturunterricht): Die Aufklärung
Das Grundanliegen der Aufklärung ist, dem Menschen mit Hilfe der Vernunft zum Ausgang aus seiner selbstverschuldeten Unmündigkeit zu verhelfen. Damit ist eine Kritik sowohl an allen autoritätsbezogenen Denkweisen als auch insbesondere am christlichen Offenbarungsglauben verbunden. .... Im Rahmen der Aufklärung ist insbesondere zu fragen, welche negativen Ergebnisse sie neben den unbestrittenen Verdiensten gezeitigt und in welche neuen Abhängigkeiten sie den Menschen geführt hat, statt ihm die ersehnte Freiheit und das erhoffte Glück zu bringen."
....
Geschichte: Kriege und Revolutionen
Im Geschichtsunterricht ist es bei der Erarbeitung historischer Zusammenhänge wichtig, die Welt nicht so erklären zu wollen, als gäbe es Gott nicht. ... Die großen Züge der Weltgeschichte sind vorgezeichnet und in den prophetischen Büchern der Bibel offenbart, was allerdings rückblickend weit besser verstanden werden kann als vorausschauend. Dennoch erkennt der gläubige Leser, wie sich Gottes Offenbarungen über kommende und gehende Weltreiche bisher erfüllt haben. Auch diese Zusammenhänge sollen dem Schüler deutlich gemacht werden. .... Es soll eine Erweiterung des Geschichtswissens um die biblische Sicht von den Weltgeschehnissen erreicht werden.
...

Biologie: Evolutionslehre
Die These von der Evolution vom Einzeller oder gar der leblosen Materie zum Menschen ist wissenschaftlich nicht verifizierbar. Sie ist vielmehr sowohl aus wissenschaftlichen als auch aus theologischen Gründen in ihrem Ausschließlichkeitsanspruch abzulehnen. Die Schüler sollen befähigt werden, den Modellcharakter der Evolutions-, aber auch der wissenschaftlichen Schöpfungslehre zu erkennen und Vorzüge und Nachteile wissenschaftlich redlich zu diskutieren, aber auch die Einsicht gewinnen, dass eine Höherentwicklung im Laufe der Zeit mit der Bibel unvereinbar ist, da nach ihrem gesamten Zeugnis das erste Menschenpaar unmittelbar aus Gottes Hand hervorging und die ursprünglich sehr gute Schöpfung erst mit dem Sündenfall schweren Schaden erlitt. "

Es soll hier nicht generell in Frage gestellt werden, was auf den FESB-Webseiten im > Leitbild geschrieben steht. So findet sich etwa: "Wir nehmen unsere Verantwortung solidarisch im freiheitlichen, demokratischen und sozialen Rechtsstaat wahr. Dabei ist uns die Wahrung der Menschenwürde ein zentrales Anliegen. Wir treten friedfertig für die christlichen Grundlagen und Werte unserer Kultur zur Förderung des Einzelnen und der Gesellschaft ein." Auch ist vieles, was ansonsten in der Schulkonzeption steht, durchaus positiv und soll hier keinesfalls kritisiert werden (ich empfehle das Durchlesen des gesamten Konzeptes)

Dennoch kann an der kreationistischen Ausrichtung im Biologieunterricht dieser Schule und an der Behandlung einer kruden kreationistischen pseudowissenschaftlichen "Schöpfungslehre" nach dem oben geschilderten kein Zweifel bestehen. Dieser Gegensatz ist sehr bedauernswert.

Die Schule ist nach eigenen Angaben eine staatlich anerkannte Schule in freier Trägerschaft. In den Schulkonzeptionen von Grund- und Realschule steht: "Die Kosten für den Betrieb der Schule werden durch Senatszuschüsse, Schulgeld und Spenden aufgebracht. ...."

Die Schulkonzeptionen der FESB-Schulen sind schon seit etlichen Jahren frei übers Web zugänglich. Der Blogautor hat bereits seit März 2008 in öffentlichen Vorträgen auf die pseudowissenschaftlichen kreationistischen Inhalte hingewiesen (siehe z.B. hier). Viele Zeitungen, darunter Sueddeutsche.de erwähnten kurz vor Darwins Geburtstag die kreationistischen Aktivitäten der FESB. Die Financial Times Deutschland berichtete am 18.2.09 unter dem Titel "Darwin muss nachsitzen" ausführlich über diese Schule. Die zuständlige Schulaufsicht Pankow hat danach eine Überprüfung zugesichert.

Nochmals: es geht es hier nicht um eine pauschaule Negativbeurteilung dieser Schule. Die Schule verheimlicht ihre Ausrichtung nicht, zumindest wenn man sich die Mühe macht, in den Webseiten der FESB zu stöbern, denn alle hier wiedergegebenen Informationen stammen aus diesen Webseiten. Allerdings erfordert das Herausfinden dieser Informationen schon etwas Arbeit, und keinesfalls kann man sich alleine nach der ebenfalls zum Download angebotenen, professionell und ansprechend gestalteten Elternbroschüre richten. In dieser Broschüre wird zwar kurz auf die zu Grunde gelegte Glaubensbasis der Evangelischen Allianz per Link verwiesen, aber ansonsten geht es um Töpfern, Erlernen von Problemlösungen, Sprachreisen und andere schulische Aktivitäten. Auf Erziehung zum Klimaschutz wird sogar ganz besonderer Wert gelegt, was sehr anerkennenswert ist.

Kein Wort gibt es in der Elternbroschüre allerdings zur Behandlung einer kreationistischen Schöpfungslehre im Biologieunterricht der FESB. Dies versteckt sich wohl im letzten Satz der folgender Passage (S. 7 der > Elternbroschüre): "Die Freien Evangelischen Schulen Berlin unterliegen der staatlichen Schulaufsicht, die von den zuständigen Schulräten der Senatsverwaltung für Bildung, Jugend und Sport und der Abteilung Bildung der Bezirksämter ausgeübt wird. Sie kommen all den Aufgaben nach, welche auch die staatlichen Schulen erfüllen. Die Lehrer unterrichten und beurteilen auf der Grundlage und nach den Vorgaben des Berliner Schulgesetzes und der Rahmenpläne sowie der Konzeption der FESB. Die Unterrichtsinhalte werden nicht verkürzt, sondern um die christliche Bewertung derselben erweitert behandelt."

Die ebenfalls in der Broschüre genannten Schülerzahlen zeigen, dass die Beliebtheit der Schule stark ansteigend ist. Und auch hier sei nochmals klar gesagt: es liegt in der Verantwortung der Eltern, ihren Kindern eine ihnen geeignet erscheinende private bzw. kirchliche Schule auszuwählen, sofern diese staatlich anerkannt ist (wie es bei der FESB ja tatsächlich ist). Dies alles sei hier natürlich nicht in Frage gestellt. Jedoch erscheint es äußert befremdlich und m.E. nicht mit den Rahmenschulplänen vereinbar, wenn in staatlich anerkannten Schulen im Biologieunterricht unwissenschaftliche kreationistische Pseudotheorien behandelt werden. Auch die Ausrichtung des Geschichtsunterrichts sowie von Teilen des Deutschunterrichts erscheint zumindest nach der Schulkonzeption bedenklich, da möglicherweise nicht mit der wissenschaftlichen Ergebnislage vereinbar. Insgesamt ist die Gefahr, dass im Schulunterricht der FESB explizitite Wissenschaftsskeptik geweckt wird, da sich gemäß Schulkonzept wissenschaftliche Ergebnisse offensichtlich an der völligen Zuverlässigkeit der Bibel orientieren müssen, sicherlich nicht von der Hand zu weisen.

Gerade wenn die Schule ihr Engagement für den Klimaschutz hervorhebt, sollte ihr besonders klar sein, dass Klimaänderung und andere Umweltänderungen wiederum Selektion und Aussterben oder aber auch Anpassung hervorrufen, also evolutionäre Prozesse geradezu auslösen.

Auch wenn ich diesen Eintrag als Privatperson schreibe, kann ich als Leiter des Berliner Museums für Naturkunde Berlin den Biologieklassen der FESB-Realschule gerne eine persönliche Führung zu Evolution und evolutionäre Reaktion auf Umweltveränderungen durchs Museum anbieten. Vielleicht mag ja auch eine Online-Präsentation des Blogautors zum Thema "Wir sind kein reiner Zufall - Evolution und Kreationismus" hilfreich sein. Die Präsentation findet sich unter
www.palaeo.de/edu/kreationismus/stellungrl/evolution_und_kreationismus

FAZIT: Naturkundemuseen haben eine schöne, aber nicht immer ganz einfache Aufgabe: wir sind selbstverständlich für alle Interessierten da und versuchen alle Besucher dort abzuholen, wo sie derzeit stehen und von wo wir sie gerne auf unsere Reise zur wissenschaftlichen Erkenntnis mitnehmen. Oberstes Ziel ist es aber deshalb auch, für die Akzeptanz von Wissenschaft zu werben und unwissenschaftliches Vorgehen deutlich als solches kenntlich zu machen, dazu haben sich die deutschen Naturkundemuseen anlässlich des Darwin-Jahrs verpflichtet. Sehr geehrte FESB-Schulleitung, Lehrer, Schüler, Eltern, Schulaufsicht und Kirchen - ich meine schon, dass wir dies gemeinsam hinbekommen könnten. Sind wir einfach, im Sinne des oben gezeigten Cartoons, "a bit more explicit". Dazu lade ich Sie ein.

Reinhold Leinfelder, 7.3.09

cartoon © Sidney Harris, used with permission


Freitag, 6. März 2009

Instrumentalisierung von Darwin durch religionskritische Stiftung?

Darwin muss man immer dann nicht verteidigen, wenn er selbst für sich sprechen darf. Man muss allerdings genau hinhören. Viele der Missverständnisse rund um Darwin gäbe es gar nicht, wenn man die Originalquellen verwenden würde. Zitate können faszinierend sein und vieles besser erklären als manch langatmiger Artikel. Außerdem steigern Zitate die Authentizität und damit die Glaubhaftigkeit einer Biographie oder auch einer wissenschaftlichen Arbeit.

Allerdings müssen Zitate im richtigen Kontext wiedergegeben werden. Denn ansonsten kann man mit "Steinbruch"-Teilzitaten aus Originalzitaten völlig Zweckentfremdetes anstellen und angeblich begründen. Auf diese Weise arbeiten viele Kreationisten. Wissenschaftler können davon ein Lied singen. Auch der Blog-Autor wurde schon selbst mehrfach entsprechend zweckentfremdet zitiert (das wäre mal nen eigenen Beitrag Wert).

Wissenschaftlern oder gar Philosophen unterstellt man dies in aller Regel nicht. Umso ärgerlicher wäre, falls es auch dort so gehandhabt würde. Aber urteilen Sie selbst:


Ein sogenannter Evolutionstag (den ein selbsternanntes Darwin-Jahr-Komitee, welches insbesondere aus Mitgliedern der extrem religionskritischen, "neo-atheistischen" Giordano-Bruno-Stiftung besteht, ausgerufen hatte), hatte als angeblichen Höhepunkt "Darwins Dankesrede". Die Rede wurde vom Philosophen Dr. Michael Schmidt-Salomon, dem Vorstandssprecher der Stiftung sowie Autor des umstrittenen Kinderbuches "Wo bitte geht's zu Gott, fragte das kleine Ferkel" und ähnlicher Bücher geschrieben und von einem Schauspieler in Darwinverkleidung vorgetragen.

Die Rede findet sich auf der Webseite dieses "Darwin-Jahr-Komitees" sowie auf den Seiten des hpds, dem gemeinsamen Pressedienst von Giordano-Bruno-Stiftung und Humanistischem Verband. Der hpd bringt zusätzlich eine Videoaufzeichnung dieser Rede.
Autor Schmidt-Salomon schreibt in einer Fußnote zur Rede: "Die kursiv gesetzten Passagen sind wörtliche Zitate Darwins. Bei den restlichen Stellen habe ich auf der Basis der Werke Darwins „fabuliert", was er denn möglicherweise gesagt hätte, wenn er tatsächlich am Frankfurter Festakt hätte teilnehmen können."

Bei der eigentlichen Rede (und auch der Videoaufzeichnung) wird nicht klar, wo die Originalzitate stecken.
Die Rede können Sie hier oder hier nachlesen.

Darwin wäre heute sicherlich Mitglied der Giordano Bruno-Stiftung, so soll man wohl annehmen. Ein Beispiel:
"Darwin": "Im Ernst: Wer die Evolutionstheorie verstanden hat, der weiß, dass sie mit traditionellen Glaubenssystemen nicht zu vereinbaren ist. So einfach - und zugleich so schwierig! - ist das! Ob man will oder nicht, man muss eine Wahl treffen: Entweder Evolution oder Schöpfung, Aufklärung oder Obskurantismus, wissenschaftliches Wissen oder religiöser Glaube. Sämtliche Versuche, das eine mit dem anderen zu verbinden, sind gescheitert. Was mich auch nicht verwundert, denn: Ein bisschen schwanger sein, geht nicht! Man muss sich schon entscheiden, welchem Pfad man folgen will. Was mich angeht, so glaube ich, dass ich richtig gehandelt habe, als ich mein Leben unbeirrbar der Wissenschaft widmete.(17)"

Nur das Kursive ist ein Originalzitat. Die Quelle ist korrekt angeben. Das Zitat ist allerdings stark gekürzt. Insgesamt verwendet Schmidt-Salomon die deutsche Version der Autobiographie Darwins (Charles Darwin: Mein Leben. Die vollständige Autobiographie. Insel taschenbuch, Frankfurt/M. 2008). Mehrfach werden dabei Teile zitiert, die von der Ehefrau Darwins aus dessen Autobiographie gestrichen wurden und nun in der vollständigen Autobiographie in Klammern wieder eingefügt wurden (siehe hierzu die Erläuterungen in der oben zitierten Ausgabe der Autobiographie.

Nachfolgend zwei Beispiele der Verwendung der Darwin-Zitate in der pseudofaktischen Rede sowie der Kontext dieser Zitate, dokumentiert durch Screenshots aus der Autobiographie. Blau jeweils der Pseudodarwin, kursiv und rot das verwendete Originalzitat und danach folgend der Screenshot aus der Autobiographie, ggf. schwarz eine Erläuterung des Blog-Autors:


Beispiel 1: "Logisch war diese Kombination aus Wissen und Glauben zwar nicht, aber psychologisch kann man ihr Verhalten nachvollziehen. Emma war, wie so viele andere Menschen auch, ein Opfer frühkindlicher Prägung. Ich habe über dieses Phänomen viel nachgedacht. Um zu verstehen, warum so viele Menschen wider aller Plausibilität an Gott glauben, sollten wir, wie ich einst schrieb, die Möglichkeit nicht außer acht lassen, dass das kindliche, noch nicht voll entwickelte Gehirn stark geprägt wird, vielleicht schließlich eine ererbte Prägung davonträgt, indem Kindern ständig der Glaube an Gott eingeimpft wird, so dass es für sie ebenso schwer [ist], diesen Glauben an Gott abzuschütteln, wie für einen Affen, seine instinktive Angst vor Schlangen abzuschütteln."(13) Verstört Sie diese Passage aus meiner Autobiographie? Emma jedenfalls war sehr verstört und sorgte dafür, dass die Stelle aus meinen Memoiren gestrichen wurde. Sie begründete dies damit, dass meine Auffassung, alle Moralität habe sich durch Evolution entwickelt, sie persönlich schmerze. Vor allem aber ging es ihr darum, zu verhindern, unsere religiösen Freunde und Verwandten durch meinen despektierlichen Vergleich von Gläubigen und Affen zu schockieren. Also griff sie liebevoll zensierend in den Text ein, ..."

Im nachfolgend dargestellten Originalzitat wird klar, dass Darwin zuerst eine theistische Sichtweise hatte - er war anfänglich stark von der Physikotheologie geprägt, welches die Grundlage heutiger Kreationisten und IDler darstellt - und bezeichnet sich nach der von seiner Frau gestrichenen Sichtweise dann als Agnostiker:

Zweites Bespiel: Zuerst wieder Schmidt-Salomon alias Pseudo-Darwin (rot: Original-Darwin):

"Bedauerlicherweise war dies nicht die einzige Passage, die Kummer hätte verursachen können. So hatte ich u.a. ausgeführt, dass mein Abschied vom Christentum nicht allein durch wissenschaftliche, sondern auch durch ethische Gründe bedingt war. „Ich kann nun wirklich nicht einsehen", schrieb ich,warum sich jemand wünschen sollte, das Christentum sei wahr; wenn es nämlich wahr wäre, dann, das scheint mir die Sprache des Textes unmissverständlich zu sagen, würden alle Menschen, die nicht glauben, also mein Vater, mein Bruder und fast alle meine nächsten Freunde, ewig dafür büßen müssen. Und das ist eine verdammenswerte Doktrin."(15) Wie Sie sich vorstellen können, fiel auch diese Textstelle mit Rücksicht auf Tante Caroline der liebevollen Familienzensur zum Opfer..."

Nun Darwin im Originalkontext (incl. der von Ehefrau Emma zitierten Passage). Der Kontext zeigt eindeutig, dass Darwin einerseits ein religiös Suchender war und andererseits, genau wie der Jesuit Christian Kummer schreibt, sein Gottesbild extrem eingeschränkt war (Paleysche Physikotheologie). Letztendlich war Darwins Theologieverständnis rein kreationistisch und ging nicht darüber hinaus. Es war nur konsequent, dass er diese Form eines naturalistisch-religiösen Glaubens selbstverständlich ablegen musste, nachdem er seine Ergebnisse erarbeitet hatte:
Screenshots aus: www.amazon.de/gp/reader/3458350705/ref=sib_dp_pt#reader-link

Damit kein Missverständnis auftritt: Viele der Mitglieder der Giordano-Bruno-Stiftung sind renommierte Wissenschaflerinnen und Wissenschaftler, daran soll kein Zweifel aufkommen. Auch sind Weltanschauungen, egal ob religiös oder atheistisch jedermanns eigene Sache und man kann sie gerne auch öffentlich machen. Dem Blogger geht es in diesem Zusammenhang ausschließlich darum, die Akzeptanz für Wissenschaften in der Gesellschaft zu verbessern und deswegen ggf. Aktivitäten zu kritisieren, die Wissenschaftsfeindlichkeit erhöhen könnten. Dazu gehört natürlich der Kreationismus, weil er wissenschaftliche Erkenntnisse falsch wiedergibt oder gar behauptet (ID-Ansatz) durch naturwissenschaftliche Erkenntnisse untermauert zu sein. Aber auch wer behauptet, dass sich aus naturwissenschaftlichen Erkenntnissen zwingend und allgemeingültig eine atheistische Weltanschauung ergäbe, liegt nicht nur erkenntnistheoretisch falsch, sondern macht Evolutionswissenschaften wieder zur Ideologie und fördert dadurch Wissenschaftsfeindlichkeit, wenn nicht gar Schlimmeres. Deshalb sind Richard Dawkins Buch "Der Gotteswahn" sowie die Jünger dieses Buchs das Beste, was den Kreationisten passieren konnte, da es die Verunsicherung, wenn nicht gar die diesbezügliche Spaltung der Gesellschaft fördert.

Ulf von Rauchhaupt, Wissenschaftsjournalist der FAZ/FAS und einer der FAZ-Planckton Blogger, berichtet heute aus der derzeit in Rom stattfindenden Evolutionstagung: "Auf die Frage, was man gegen den Kreationismus denn tun könne, nannte der amerikanische Historiker (Ronald Numbers) drei Dinge: erstens müsse man die Leute viel besser über die Ergebnisse der Evolutionsbiologie aufklären - an seiner eigenen Uni etwa gebe es keine vernünftige Einführungsvorlesung zur modernen Evolutionsbiologie. Zweitens müßten insbesondere Geistliche aufpassen, die möglichen negativen moralischen Implikationen der Evolutionstheorie nicht zu übertreiben. Nicht zuletzt aber sollten Evolutionstheoretiker und ihre philosophischen Interpreten sich davor hüten, die Früchte ihres methodischen Naturalismus als Hinweise oder gar Belege für einen metaphysischen Naturalismus zu verkaufen, also für die Vorstellung es gebe nichts außer dem, was Gegenstand der naturwissenschaftlichen Erkenntnis ist. Ronald Numbers ärgert das darum nicht nur, weil er das für falsch hält: „Leute wie Richard Dawkins oder Daniel Dennett sollten endlich mal still sein".

Recht hat er.


Reinhold Leinfelder

Auch wenn dies, wie rechts oben angegeben für alle Beiträge gilt, sei vorsorglich mal wieder darauf hingewiesen, dass hier ausschließlich die Meinung des Verfassers wiedergegeben wird. Allerdings sei auch darauf hingewiesen, dass das Netzwerk der Deutschen Naturkundemuseen in ihrem Darwin-Positionspapier sich genau dieser Trennung von Naturwissenschaften und weltanschaulicher Interpretation verpflichtet hat. Dieses Positionspapier finden sie hier.



PS: Nachtrag vom 8.3.09: Nachstehend wurde von einem externen Autor (Sven Keßen) ein Kommentar zu diesem Eintrag verlinkt. Herr Keßen bezieht sich zum einen auf die oben sowie im vorhergehenden Eintrag zitierten Kommentare von U. v. Rauchhaupt sowie insgesamt auf diesen Eintrag. Hierzu sei nur Folgendes hinsichtlich meiner von Herrn Keßen kritisierten, oben geäußerten Kritik an Dawkins erwähnt. Sitz derjenige, der gegen Dawkins Gotteswahn und seine "Follower" (besser?) argumentiert, für manche gleich in einer bestimmten Schublade? Ich hoffe nicht! Falls doch, empfehle ich einfach mal den interessanten Post von Armin Pfahl-Traughber im Brights-Blog - Die Natur des Zweifels vom 4.3.09 mit dem Titel "Thesen für eine aufgeklärte Religionskritik". Religionskritik kann also auch anders stattfinden als mit polemischen Parolen oder gar Instrumentalisierungen, das ist der (wichtige) Unterschied. Und wenn Ihnen der Begriff "metaphysischer Naturalismus" (den ich gar nicht verwendet, sondern nur zitiert habe) nicht gefällt, sprechen wir eben lieber vom "ontologischen Naturalismus". Da bin nun nicht nur ich der Überzeugung, dass die Naturwissenschaften eben mit einem methodischen Naturalismus arbeiten, woraus sich als abgeleitetes (Teil-)Weltbild bezüglich der Natur ein Agnostizismus ergeben muss. Dieser stört sich jedoch weltanschaulich weder mit einer nicht fundamentalistischen Religionsauffassung, noch mit einem starken ontologischen Naturalismus/Atheismus als alternativen weltanschaulichen Sinngebern. Aber, und dabei bleibe ich, welche Weltanschauung man vertritt, ist eben jedermanns persönliche Interpretation der Welt (wozu natürlich weltanschauliche Gruppierungen, falls gewünscht Hilfestellungen geben können). Weder eine religiöse noch eine atheistische Weltanschauung ergeben sich eben zwingend aus den Naturwissenschaften. In dieser gewisser Weise ist beides, und das ist keinesfalls abwertend gemeint, eben doch eine Glaubenssache, und dies gilt gleichermaßen für Naturwissenschaftler und alle anderen Zeitgenossen.

Aber wer die Einträge dieses Blogs hier insgesamt durchsieht, sollte - so hoffe ich - bemerken, dass es mir weder um Religionskritik, noch um Kritik an Religionskritik per se, und andererseits genausowenig um Religionsverteidigung per se geht. Es geht darum, die Akzeptanz der Evolutionswissenschaften zu erhöhen und deshalb auf all das hinzuweisen, was diese Akzeptanz schmälern könnte. Naturwissenschaften sollten für Ingenieure wie Fließenleger (- ich verwende nur das Beispiel aus der verlinkten Kritik - ) und alle anderen, bzw. weltanschaulich betrachtet für philosophische Atheisten, Konfessionsfreie, Christen, Moslems und alle weiteren Gruppen faszinierend sein und von ihrer Bedeutung her akzeptiert werden. Wenn das Darwin-Jahr hierzu beitragen kann, wäre dies ein großer Erfolg. Wenn das Darwin-Jahr jedoch ggf. instrumentalisiert wird, um den von Kreationisten, aber scheinbar auch von manchen Atheisten erwünschten Keil auch zwischen aufgeklärte Religiöse und Konfessionslose zu treiben, wäre dies ein gewaltiger Schaden. Sehr geehrter Herr Keßen, haben wir hier Konsens? Würde mich freuen! Schöne Grüße, R. Leinfelder


Donnerstag, 5. März 2009

Evolution in Rom - im Planckton-Blog

Heute machen wir - aus gegebenem Anlass - mal kräftig Reklame für einen anderen Blog. Der gegebene Anlass ist, dass wir wieder eine Kulturrat-Aktivität vorstellen. Im letzten Eintrag war es der Leitartikel des Deutschen Kulturrates, heute sind wir beim Päpstlichen Kulturrat, unter dessen Schirmherrschaft derzeit eine Konferenz an der päpstlichen Universität Gregoriana zu Rom tagt. Titel: "Biological Evolution - Facts and Theories". Oops, da wird es einem Wissenschaftler schon beim Titel Angst und bang. Fakten und wissenschaftliche Theorien werden hier als Gegensätze dargestellt?! Charles Darwin hat aus seinen vielen, insbesondere auf der Beagle-Reise beobachteten und gesammelten Fakten eine wissenschaftliche Theorie erstellt. Fakten waren nicht der Gegensatz, sondern die Begründung der Theorie. Man darf also gespannt sein.
(Klick auf Bild führt zum Programm der Konferenz)

Gespannt ist auch Ulf von Rauchhaupt, Wissenschaftsredakteur bei der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung sowie Frankfurter Allgemeinen Zeitung. Er ist dabei und schreibt im Planckton-Blog der FAZ über spannende Dinge, Prädikat "fast so gut wie dabei sein"



U.v.Rauchhaupt: Evolution in Rom (I), vom 3.3.09 (1:49, ein Nachtschwärmer, also) (kleine Auszüge):

"..... Das andere, was an dem Paar „Facts & Theories" bedenklich stimmt, ist die zumindest klangliche Nähe zu dem Mantra der Kreationisten und Vertreter von Intelligent-Design (ID aka God-of-the-Gaps, Lückenbüßergott), das da lautet: Darwins Evolutionstheorie? Das ist doch b l o ß eine Theorie (eben kein Fakt, wissenschaftstheoretische Feinheiten (siehe oben) darf man diesen Leuten nicht zumuten). Aber keine Bange. Der Vatikan hat ID-Leute nicht nur nicht eingeladen, sondern im Vorfeld sogar recht rüde ausgeladen: indem man erklärte, man wolle ID schon diskutieren - als gesellschaftliches Phänomen, dessen Ursache es ausfindigzumachen gilt.
... Dabei sei erwähnt, daß unter den 36 Referenten der Tagung lange nicht alle Jesuiten und andere kluge Herren in Tippex-Krägen sind, sind sondern auch in nichtkirchlichen Kreisen ziemlich prominente Forscher und Forscherinnen aus Europa und Nordamerika."
(> gesamten Blog-Eintrag lesen)


U.v.Rauchhaupt: Evolution in Rom (II), vom 4.3.09 (0:09) (wieder einige Auszüge):

"Als der Herr in Nadenstreifen samt rotem Einstecktüchlein ans Mikrophon trat, muß Douglas Futuyma schon nichts Gutes geahnt haben. Futuyma, Biologe von der State University of New York in Stony Brook hatte soeben 45 Minuten lang darüber referiert, warum man aus Sicht der vergleichenden Biologie Darwins Idee einer gemeinsamen Abstammung aller Lebewesen mit Fug und Recht als ein Fakt bezeichnen kann, wobei er später noch mal erläuterte, was er mit „Fakt" meint: „Etwas, für das es derart viele Hinweise gibt, so daß wir so handeln können, als wäre es eine Gewißheit." Und tatsächlich hatte Futuyma keine Mühe, seine Redezeit mit solchen Hinweisen anzufüllen. Das 2004 entdeckte Fossil von Tiktaalik rosea, einer Übergangsform zwischen Fischen und Amphibien, war nur eine von vielen. ....
Mr. Nadelstreifen aber trat mit einem mehrseitige Maunuskript ans Mikro, das er nun unerschrocken vorzulesen begann. .... Statt Futuymas Vortrag anzuhören und sich über Tiktaalik rosea informieren zu lassen, hatte der Herr wohl seinen Auftritt einstudiert - oder in dem dicken Band geschmökert, den der mitgebracht hatte. Jeder Journalist in Deutschland, wenn nicht Europas, kennt ihn: den „Atlas of Creation" der islamischen Kreationisten Harun Yahya" war vor einiger Zeit unaufgefordert an alle Medienmitarbeiter verschickt worden, deren Dienstadressen öffentlich zugänglich sind. ...."
(> gesamten Blog-Eintrag lesen)


U.v. Rauchhaupt: Evolution in Rom (III) vom 5.3.09 (00:23) (Auszüge):

"Die Gruppengröße scheint bei Primaten ein besonders wichtiger Faktor zu sein, es gibt sogar eine Korrelation zwischen Hirngröße und der Zahl der Clanmitglieder. Extrapoliert man sie auf dem Menschen, kommt man auf etwa 150 – und tatsächlich findet sich genau diese Zahl in etlichen Statistiken wieder: von der Einwohnerschaft der Amish-communities in Nordamerika bis zur der Obergrenze, welche der Hersteller von Goretex mit gutem Erfolg für die Belegschaft seiner Produktionsstätten eingeführt hat. Schief geht die Extrapolation auf den Menschen allerdings bei der Zeit, die Primaten für die soziale Interaktionen aufwenden: der Mensch bringt bei weitem nicht die seiner Hirngröße entsprechenden 40 Prozent Lebenszeit mit Interaktionen zu, die dem Lausen äquivalent wären. Um diese Lücke, den „Bonding Gap“ zu schließen, tue der Mensch nun mehrere Dinge, glaubt Robin Dunbar: er lacht, er macht Musik, er erzählt Geschichten - und feiert religiöse Riten. Zumindest beim Lachen sei nämlich experimentell erwiesen, daß es Glückshormone freisetze, wie sie auch lausende Affen happy machen – und Dunbar erwartet, daß so ein chemischer Trick auch hinter den drei anderen genannten kulturellen Aktivitäten steckt. ....
... Ist es vielleicht nicht so, daß Nachdenken am Ende deswegen so viel Spaß macht, weil man dabei Einsichten hat, die man anschließend nicht missen möchte (während das Lied irgendwann vorbei ist)? Kann man konsistent einsehen, das Wohlgefühl darüber, etwas eingesehen zu haben, sei das Ziel des Einsehen-wollens – und nicht die Einsicht selber?"
( gesamten Blog-Eintrag lesen)

Nachträge zur Evolution in Rom:
Teil IV vom 6.3.09, 00:54, u.a. zu Teilhard de Chardins Bedeutung fürs Thema

Teil V vom 6.3.09, 14:06, zum Vortrag des Historikers Ronald Number zur Geschichte des Kreationismus und der Kontraproduktivität von Richard Dawkins und Daniel Dennet für die Evolutionsvermittlung.

Teil VI vom 7.3.09, 22:04, zum Schluss des Symposiums. U.v. Rauchhaupt berichtet u.a. wie das kreationistische Discovery Institute von Zensur bei der Rednerauswahl spricht und behauptet, dass die von Theologen auf dem Symposium gemachten Aussagen nicht der Position der Kirchenspitze entsprechen würden. Auch Spiegel-online berichtete dies am 6.3.
Was der Spiegel aber nicht parat hatte, hat U.v.Rauchhaupt parat. Es war immerhin der Präfekt der Glaubenskongregation, der eindeutiges zu Unwissenschaftlichkeit von Kreationisten sagte (siehe oben, Teil II). Am 7.3.09 gibt es übrigens einen ausführlichen Bericht zur Tagung durch U.v.Rauchhaupt in der Frankfurter Allgemeinen Sonntagszeitung. Und hier noch der Abschlussatz von U.v.R. aus seinem Rom-Blog: "
Offenbar war das Interesse der Theologen an dem, was nun wirklich Sache ist an der Evolutionsbiologie, nicht einseitig. Auf eine sehr eigentümliche Art war es schließlich doch eine schöne Geburtstagsparty für den alten Darwin."


>> Planckton Blog der FAZ